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Kanzlei 4.0 – was soll das sein?

Kanzlei 4.0 – was soll das sein?

Chance oder Hirngespinst?

Industrie 4.0 ist ein Schlagwort, das allenthalben aus den unterschiedlichsten Richtungen medial auf uns hernieder prasselt. Es geht, einfach gesagt, darum, eine neue Art der Wertschöpfung zu leisten, indem man aus einer riesigen Wissensflut die Informationen heraussucht, die gerade nötig sind, um ein Problem oder einen (Produktions-)Auftrag zu lösen. In der Industrie folgen daraus Aktionen für angeschlossene technische Systeme, die sich miteinander vernetzen, um zum gewünschten Produkt oder Ergebnis zu kommen. Und wie sieht es im Anwaltsberuf aus? Gibt es auch einen Trend zum Kanzlei  4.0? Und was soll das sein? Dr. Egon Buhleier hat diesen Begriff geprägt. Im folgenden Beitrag möchten wir die Analogien zu Industrie 4.0 etwas näher beleuchten.

Beginnen wir zunächst in der industriellen Welt, um die Entwicklung zu verdeutlichen. Der Wandel wird durch ein jeweils aktuelles technisches Netzwerk vorangetrieben, das Zeit und Ressourcen einspart, um den Wohlstand zu steigern. Die ersten Dampfmaschinen ermöglichten den Einsatz von Pumpen zur Entwässerung von Bergwerken und steigerten so den Ertrag. Dampf trieb in der Folge auch die Spinnräder in England an und steigerte die Produktivität gegenüber Handspinnverfahren um den Faktor 200. Die Eisenbahn konnte mehr Güter schneller transportieren. Die Verfügbarkeit von Strom machte Massenproduktion möglich, das Auto beschleunigte erneut den Transport von Gütern und Menschen. Schließlich ersetzte der Computer die Zettelkästen, machte Information sofort verfügbar.

Die zugehörigen Entwicklungszyklen mit allen Ups and Downs hat der russische Ökonom Nikolai Kondratieff (1892 – 1938) bereits Anfang des letzten Jahrhunderts beschrieben. Kurz zusammengefasst ergibt sich daraus seine Folgerung: Immer dann, wenn sich Innovationen etabliert haben und die entsprechenden Handlungen zur Selbstverständlichkeit wurden, gerät die Konjunktur in eine Phase des Stillstands. Weitere Effizienzsteigerungen sind nicht mehr möglich. Dementsprechend sinken dann die Investitionsbereitschaft und parallel dazu die Zinsen. Spekulation in Aktien und Immobilien sorgt zunächst für einen rasanten Anstieg der Preise, dann für das heulende Elend nach dem stets folgenden Absturz.

Kondratieffzyklen

Wenn man nach der Entstehung der langfristigen Konjunkturzyklen sucht, stößt man auf den russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff. Er sah diese in Abständen von 40 bis 60 Jahren. Folgt man seiner Theorie, beginnt jeder neue Zyklus mit technologischen Errungenschaften, die den folgenden Aufschwung tragen. Fünf lange Kondratieffzyklen haben wir bereits hinter uns – Dampfmaschine, Eisenbahn / Stahl, Elektrizität / Chemie, Auto und Petrochemie sowie IT und Telekommunikation.

Wo geht die Reise hin?

Den Übergang vom 5. auf den 6. Kondratieffzyklus bestimmen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Megatrends Globalisierung und Demografie. Entscheidende Nachfrageimpulse werden vorwiegend von Schwellenländern, allen voran Asien, ausgehen.

Während im derzeitigen Kondratieffzyklus das Informationszeitalter eine starke Erhöhung der Arbeitsproduktivität gebracht hat, könnte der Schlüssel für die zukunftsfähige Wirtschaft im nächsten langen Zyklus darin liegen, die Ressourcen­ und Energieproduktivität zu steigern. Wachstum wird künftig wohl aus einer neuen Mischung von Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlichem Engagement entstehen. Der wirtschaftliche Strukturwandel steht unter dem Schlagwort Eco-Trends.

Zurück zum Schwerpunkt Wissen automatisiert

In den Industriestaaten geht der Trend bereits spürbar hin zu einer Wissensökonomie. Daher ist es wahrscheinlich, dass die westliche Welt auch die Keimzelle des 6. Kondratieffzyklus bilden wird. Der effiziente Umgang mit Wissen wird dabei vermutlich auch den Anwaltsstand schneller erreichen, als mancher Kritiker ahnt.

Aktuell stehen wir wirtschaftlich erneut vor dem Ende eines solchen Strukturzyklus, denn Computer machen uns nicht mehr im gleichen Maße produktiver. Um die nächste Stufe des Wohlstandes zu erreichen und damit eine drohende Weltwirtschaftskrise zu umschiffen, setzen viele Anbieter auf das Pferd Industrie 4.0 mit entsprechenden Hoffnungen hinsichtlich eines nächsten Aufschwungs, so Erik Händeler, Zukunftsforscher und Wirtschaftsjournalist.

Wo sind die Gemeinsamkeiten zwischen Industrie 4.0 und Kanzlei 4.0?

„Natürlich sind industrielle Produktion und der Anwaltsstand nicht direkt vergleichbar, so Dr. Egon Buhleier, Gründer der ReNoStar GmbH. „Es gibt aber dennoch interessante Parallelen, denn Anwälte sehen sich einem steigenden Konkurrenzdruck ausgesetzt, weil die Zahl der niedergelassenen Anwälte unvermindert weiter steigt, ohne dass der Markt wächst. Bei Industrie 4.0 scheint es notwendig, in der ideal vorgestellten Welt durch Planen, Organisieren und Gestalten neue Werte zu schöpfen. Anders gesagt: Es geht darum, die jeweils am meisten Erfolg versprechenden Informationen herauszufiltern, um ein Problem zu lösen. Und mehr denn je wird der Wohlstand abhängiger von der Gruppenleistung, die aus einer Zusammenarbeit mit anderen entsteht. Das gilt nach meiner Auffassung nicht nur in der industriellen Welt, sondern auch für den Anwaltsstand der Zukunft. Weil der Einzelne nicht jedes Rechtsgebiet im Detail überblicken kann, wird der Zugriff auf das Wissen anderer immer bedeutsamer. Damit ist nicht gemeint, Wissen zu klonen, sondern mit Hilfe des verfügbaren Wissens systemgestützt, schneller und sicherer zu besseren Ergebnissen zu kommen. Automatisierte Internet- und Literaturrecherche sowie die schematisierte Fallabwicklung in Fachgebieten, die dies zulassen, bringen mehr Effizienz plus mehr Genauigkeit, folglich mehr Erfolg und Ertrag.“

Wieso eigentlich Kanzlei  4.0 – was war davor?

Wir haben den Zusatz „4.0“ mehrfach betont. Aber wo lagen die Schritte 1.0 bis 3.0? Für Dr. Egon Buhleier ist die Sache klar: Die Stufe des Anwalts 1.0 in einer technisierten Welt lag begann mit der Einführung der Speicherschreibmaschine. Erstmals konnten Dokumente erstellt und vor sowie nach dem Ausdruck nochmals korrigiert werden. Der Anwalt 2.0 hatte erstmals einen Personal Computer und stieg damit in die EDV ein. Er konnte Texte speichern und mit Datenbeständen verknüpfen. Das Faxgerät war daneben ein erster Schritt hin zur elektronischen Kommunikation.

Derzeit befinden sich die meisten Rechtsanwälte auf der Stufe 3.0. Im System sind Standardtexte für viele wiederkehrende Aufgaben hinterlegt. Informationen können im Internet recherchiert werden. Digitales Diktat und Spracherkennung beschleunigen und vereinfachen die Dokumentenerstellung. Die elektronische Kommunikation mit (derzeit noch) EGVP und E-Mail ist in die meisten Kanzleien eingezogen. beA steht in den Startlöchern.

Was wird nun den Kanzlei  4.0 auszeichnen? Dr. Egon Buhleier resümiert: „Er wird im steigenden Wettbewerbsdruck mehr und mehr gefordert sein, in vielen Bereichen vorgefertigte Leistungsprozesse einzusetzen, um effizienter zu arbeiten und damit mehr Fälle in der gleichen Zeit bei hoher und sogar steigender Qualität abwickeln zu können. Mittels eines intelligenten, im IT-System hinterlegten Fallmanagements wird es möglich, eine Vielzahl von Fällen automatisiert abzubilden. Bei ReNoStar haben wir dazu in den Rechtsgebieten Familienrecht, Mietrecht und anderen unter Einsatz künstlicher Intelligenz bereits erste Module entwickelt. Sie bauen anhand von Fragekatalogen den Fallablauf stichhaltig auf und leisten eine umfassende strukturierte Vorarbeit anhand definierter Arbeitsprozesse, die eine anfängliche Bearbeitung sogar durch Reno-Fachangestellte möglich macht.

Standardisierte Abläufe, beispielsweise bei Scheidungen oder Mietrechtsstreitigkeiten, lassen sich in weiten Zügen inhaltlich auf höchstem Niveau abwickeln, denn die Informationsbasis fußt auf aktueller Literatur und Rechtsprechung. Wissen aus Formularhandbüchern und Kommentaren wird der Fallbearbeitung automatisch zugesteuert und ermöglicht reproduzierbare belastbare Ergebnisse. Voraussetzung ist jedoch, dass die damit möglichen, geänderten Arbeitsmethoden in den Kanzleien eingeführt und umgesetzt werden. Nur so lässt sich das verborgene Potenzial heben und damit tatsächlich ein Vorteil erwirtschaften.“

Eine weitere Herausforderung sieht Dr. Buhleier auch darin, wie oben erwähnt, dass sich Anwälte vernetzen, um einander mit Knowhow zu unterstützen und neue Fälle für das eigene Spezial-Fachgebiet zu akquirieren. Der entscheidende Standortfaktor sei dabei die Fähigkeit der Menschen vor Ort, mit Informationen umzugehen. Umgang mit Wissen bedeute jedoch immer auch Umgang mit anderen Menschen, die wir unterschiedlich gut kennen. Hier sind sicher für manchen Anwalt noch einige Hürden zu nehmen, um über den klassischen Konkurrenzgedanken hinaus zu wachsen.

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